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Das Bedürfnis nach Bindung


(1) Grundlagen

Die Bindungstheorie geht zurück auf Bowlbys Befunde, dass Menschen unabhängig ihren Alters bei Unsicherheit oder in belastenden Situationen die Nähe von wichtigen Bezugspersonen aufsuchen. Auf der Basis früher Erfahrungen bilden Personen innere Ar­beitsmodelle aus (im Sinne von Bindungsschemata), die ihre Annahmen über die eigene Person und andere Personen im Hinblick auf bindungsrelevante Situationen reflektieren. Bindungsbezogenes Verhalten drückt sich aus in prototypischen Bindungsstilen.

Die folgende Übersicht orientiert sich an Modellen, die für das Bin­dungsverhalten von Erwachsenen entwickelt wurden:

  • Ein sicherer Bindungsstil ist gekennzeichnet durch ein positives Selbstwertgefühl und die Erwartung, dass andere Menschen im Allgemeinen akzeptierend und zugewandt sind. Merkmale sind: Intime Freundschaften werden hoch eingeschätzt. Es besteht die Fähigkeit, nahe Beziehungen aufrechtzuer­halten, ohne die persönliche Autonomie zu verlieren. Gespräche über Beziehungen und darauf bezo­gene Themen sind gekennzeichnet durch Kohärenz und Aufmerksamkeit bzw. Nachdenklichkeit.
  • Ein anklammernder Bindungsstil deutet von geringem Selbstwert, kombiniert mit einer positiven Be­wertung anderer Menschen. Dies führt dazu, dass die entsprechende Person Selbstakzeptanz zu er­reichen sucht, indem sie Akzeptanz durch wichtige Bindungspersonen erfährt. Merkmale sind: Solche Personen engagieren sich übermäßig in nahen Beziehungen. Das persönliche Wohlgefühl hängt davon ab, ob sie von anderen akzeptiert werden. Es besteht die Tendenz zur Idealisierung anderer Personen. Wenn sie über Beziehungen sprechen, sind sie inkohärent und emotional.
  • Ein ängstlich-vermeidender Bindungsstil basiert auf einem beeinträchtigten Selbstwertgefühl in Kom­bination mit der Erwartung negativen und zurückweisenden Verhaltens Seiten anderer. Durch die Vermeidung enger Kontakte mit anderen ermöglicht es dieser Bindungsstil, sich gegen die erwartete Zurückweisung zu schützen. Merkmale sind: Nahe Beziehungen werden aus Angst vor Zurückweisung, aus persönlicher Unsicherheit und einem Misstrauen gegenüber anderen vermieden.
  • Ein abweisender Bindungsstil deutet auf ein Gefühl der Liebenswürdigkeit sich selbst gegenüber, das aber verknüpft ist mit negativen Einschätzungen anderer. Personen mit diesem Stil schützen sich selbst vor Enttäuschungen durch die Vermeidung enger Beziehungen und durch das Aufrechterhalten eines Unabhängigkeits- und Unverwundbarkeitsgefühls. Merkmale sind: Die Wichtigkeit naher Bezie­hungen wird heruntergespielt. Die Emotionalität ist eingeschränkt und betont werden Unabhängigkeit und Selbstvertrauen. Es besteht ein Mangel an Klarheit und Glaubwürdigkeit, wenn über Beziehungen gesprochen wird.

Von Bedeutung ist hier zudem, dass die in der frühen Kindheit herausgebildeten Bindungsstile relativ stabil sind, sie bilden somit die Grundlage für die „motivationalen Schemata“ (Annäherung vs. Vermeidung) im Erwachsenenalter. Aufrecht erhalten werden Schemata nicht zuletzt dadurch, dass sie i.d.R. Rückmeldungen provozieren, die sie zu bestätigen scheinen – es kommt also zu einem Teufelskreis sich bestätigender Wahr­nehmungen und Erfahrungen: Es bilden sich stabile Vermeidungstendenzen heraus, die auch in Zukunft positive Bindungen eher unwahr­scheinlich machen; darüber hinaus steht eine ausgeprägte Vermeidungstendenz auch der Befriedigung anderer Bedürfnisse im Weg.


Quellen: Bowlby (1959), Bartholomew/Horowitz (1991)

 

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