Neuroleadership: Informationsportal

Motivationssysteme aus neurobiologischer Sicht


Übersicht

Neurobiologisch sind die Erscheinungsformen von Motivation und Belohnung eng miteinander verzahnt. Topographisch lassen sie sich allerdings durchaus voneinander abgrenzen und im Gehirn verorten – trotz aller funktionellen Überschneidungen und unter Inkaufnahme einer gewissen künstlichen Vereinfachung (Quelle: nach Tobias Esch):

  • Funktionell geht es beim Typ A-Motivation um das Suchen (und zum geringen Maße um das Finden), um Erfolg, um die schnelle Belohnung. Dafür ist u.a. der Nucleus Accubens zuständig bzw. der limbische Bogen und die mesolimbischen Bahnen.
  • Beim Typ B-Motivation geht es um das Bestehen, um den Wettbewerb – sowie um Druck, Druck­abbau und Erleichterung. Wichtig sind hier Erfahrungen des „kein Stress mehr“ durch erfolgreiches Entkommen und die Belohnung dafür. Hierfür sind die Stress- und Alarmsysteme zusammen mit der Amygdala zuständig. Entwicklungsgeschichtlich ist hier die Grundlage für Perfektion nahegelegt: Zwanghafte Genauigkeit ist angesagt, da der kleinste Fehler mit dem Leben bezahlt werden musste. Wir haben es hier also mit einer eher minimalen und eher indirekten Form von Belohnung zu tun: Das Nichteintreten des Sterbefalls.
  • Typ C-Motivation meint dagegen Vertrauen und Kooperation. Belohnungen stellen sich ein, ohne diese aktiv zu suchen – sie werden gefunden – im Hier und Jetzt („der Weg ist das Ziel“). Dafür sind u.a. die Affiliationsareale im Mittelhirn und im Hirnstamm verantwortlich. Für das Erleben der inneren Einkehr sind hier die „Leerlauf-Areale“ des Gehirns, nämlich die Oszillationen zwischen Hippocampus, der Parahippocampus, der cinguläre Cortex und das hintere Aufmerksamkeitssystem verantwortlich.

  

 

Typ A

Typ B

Typ C

Kurz­bezeichnungen

Wanting-System

Leistungssystem

Mesolimbisches Belohnungssystem

Threat-Avoidance-System

Stresssystem

Kampf-Flucht-Furcht-System

Non-Wanting-System

Affiliationssystem

Fürsorgesystem

Funktion

Appetitive Motivation

Wollen

Bewegung: hin

Aversive Motivation

Vermeiden

Bewegung: weg

Assertive Motivation

Haben

Bewegung: bleiben

Schwerpunkte

Herausforderungen positiv empfinden

Sich stimulieren lassen

Vorfreude empfinden

Sich erfolgreich ein- und
anpassen

An Grenzen stoßen

Neue Wege finden

Gefahren abwenden

Überleben, sich selbst
behaupten

(ab-/zu-)sichern

Sein

Sicherheit fühlen

Sich verbinden, berühren

Positive Beziehungen

Bezug zur
intrinsischen Motivation

Peak Moments
(„kurz und heftig“)

Befriedigung

Glück erstreben

Glück erwarten

Glück suchen

pleasure, lust

Angstbeherrschung

Innere Stärke fühlen

Glück (gehabt) haben

Unglück abwenden

Trauma bewältigen

luck

Zufriedenheit (tief und anhaltend)

Gewissheit

Liebe, Affiliation

Glücklich sein

Zufrieden sein

happiness, satisfaction

joy, wellbeing

Hinweise für Diagnose

Expression, Kreativität

Gespanntheit, Abenteuer, Neugierde

Körperliche, erobernde Liebe (Erotik)

Lust, Begierde, Erregung (Sucht)

Leichtsinn, Waghalsigkeit, Expansion

Neues wagen

Zielgerichtete Aufmerksamkeit

Leistungsorientierung, Zielerreichung

Zutrauen, Glaube (an sich selbst, an spirituelle Quellen), Religiosität

Verminderte Skepsis

Positive Erwartungen

Hoffnung (unbewusst)

Externale Kontrolle, Belohnungen

„Heraufregulation“

Zusammenspiel mit Typ B

Bedrohung, Angst

Verdrängung

Stress(vemeidung)

Anspannung

Sicherheit-/Schutzsuche

Zutrauen (in Stärke)

Alarm (fight or flight)

Schmerz(modulation)

Fokussierte Wachheit

Aggressivität, Wut

Kraft, Energie

Aufmerksamkeitstunnel („Tunnelblick“)

Bei Überforderung: Zunahme der Angst (Burn-/Black-Out, freeze)

Zusammenspiel mit Typ A

Aufmerksamkeit im Moment

Einstimmung

Bewusstheit, Präsenz

Ruhe, Entspannung

Vertrauen, Gelassenheit

Internale Kontrolle

Verbundenheit, verbinden

Dankbarkeit (internal)

Wertschätzung („liebevoll“)

Mitgefühl, Empathie

Angenommensein

Stimmungsaufhellung

Schmerzreduktion

Stress- / Angstlösung

Aggressionshemmung

Regeneration

„Herunterregulation“

Hoffnung (bewusst)

Wichtige Botenstoffe

Dopamin

Orexin

Opiodpeptide (Endorphine)

(Nor-)Adrenalin

Ggf. Endocannabinoide

Kortisol, (Nor-)Adrenalin

Opiodpeptide

Ggf. Orexin

Ggf. Vasopressin

Oxytozin

Serotonin

Endogenes Morphium

Acetylcholin

Ggf. Endocannabinoide

Hirnstrukturen

Limbischer Bogen

Mesolimbisches Belohnungssystem

Mittelhirn

Nucleus Accumbens (mesokortikale Bahnen)

Amygdala

Hypothalamus (Hypophyse)

(Caeruleus)

(Hirnstamm)

Mittelhirn, Vagusareale

(Cingulum, Hippocampus, ventrales Striatum)

(Hypothalamus, Hypophyse)

Implikationen für Leadership

Unternehmen sind leistungs- und wettbewerbsorientiert

Zentraler Schwerpunkt bei Führungsphilosophien und beim Führungsverhalten

Ebenfalls zentraler expliziter Schwerpunkt bei Führungsphilosophien und beim Führungsverhalten von Managern (!) – aber nur im Sinne des Missverständnisses „Bedrohung erhöht die Motivation“

Implizites Verständnis von Führung bei sozial inkompetenten Managern

Bewusste Ausnutzung dieser Aspekte bei Veränderungen durch „Führer“

Zentraler expliziter Schwerpunkt bei Führungsphilosophien und beim Führungsverhalten von (sozial-kompetenten) "Führern"

Funktionen der menschlichen Motivations- und Belohnungssysteme (Quelle: Tobias Esch: 2011, S. 69-82)

 

Die beiden Motivationstypen A und B – Appetenz und Aversion – lassen sich wie folgt zusammenfassend skizzieren und von Typ C abgrenzen:

  • Bei Typ A – Appetenz-Motivation – geht es um Vergnügen, Lust und Sehnsucht, um positive Erwartung, Vorfreude und Antizipation – also um die dopinaminergen Wirkungen.
  • Bei Typ B – Aversions-Motivation – geht es darum, von etwas Abstand nehmen zu wollen, ggf. Angst zu haben und zu flüchten. Dies ist ein Teil des Stresssystems und basiert auf (nor-)adregenergen Wirkungen.
  • Bei Typ C lautet der Zustand „es ist alles o.k.“: Man will weder hin noch weg – einfach nur da sein. Interessanterweise scheint hier ein Paradox vorzuliegen: Motivation hat per definitionem etwas mit „Bewegung“ zu tun – und hier geht nicht um die Bewegung, um ein spezifisches Ziel zu erreichen oder zu vermeiden, sondern um den Weg dorthin. Im Mittelpunkt stehen hier serotonerge Wirkungen.